Doch nicht an jeder Grenze verläuft eine Mauer. Manchmal liegen zwischen verschiedenen Menschen, Realitäten, sogar Welten nur ein Schaltknüppel und ein bisschen stickige Luft. Neben mir am Steuer sitzt eine Frau, mit Augen von jemandem der fast alles gesehen hat. Sie sieht gestresst und müde aus, sagt sie sei seit 5 Uhr am arbeiten. Ihrem Sohn wurde das zweite Mal das Handy geklaut, in einer Woche und sie hatte einen Unfall mit dem Auto. Es sei geliehen und sie hat keine Versicherung. All das zählt sie auf, nicht klagend, eher entschuldigend dafür das sie so viel arbeitet. „Das tut mir leid.“ Aber das will sie nicht hören, so sei das Leben. Auf dem Tisch steht Essen für sie und ihren Sohn und in ihrem Land herrscht Frieden, sie ist glücklich. Wir sind fast da als sie ihren Pulli ein Stück nach oben zieht und mir die Narbe einer Schussverletzung zeigt. Die hat sie aus Ghana, die Menschen da tun ihr leid. „Wer tut so etwas?“ Es sind nie die, die kein Essen auf dem Tisch haben die auch den Frieden zerstören, behauptet sie, sondern jene, die alles haben. Und doch weniger als sie. Essen und Frieden.
Vom Flughafen fahre ich mit dem Uber zum Hostel, hier bin ich reich, denke ich nicht unbedingt stolz. Der Fahrer ist sehr freundlich und wir quatschen ein bisschen, irgendwann sehe ich Townships, mit Blechhäusern und Müllbergen, besser bekannt als Slums. Hier sollte niemand leben müssen, ich sehe Kinder die hier augenscheinlich wohnen. Dann wird mein Blick abgelenkt von dem wunderschönen Ausblick auf den majestätischen Tafelberg, als ich wieder aus dem Fenster sehe sind dort keine Hütten mehr, sondern eine Mauer mit Stacheldraht. Vielleicht eine Fabrik oder ein Militärgebiet? Ich frage den Fahrer was hinter der Mauer ist, was er sagt verstehe ich nicht erst als er es nochmal wiederholt. Zwei Worte, ganz ruhig und leise gesprochen schlagen sie doch ein wie Blitze.
Zwölftausend Kilometer liegen zwischen dem Ort an dem ich jede Straßenecke kenne und dem Ort wo ich jetzt auf der Terrasse sitze, alleine. Also nicht ganz, ich bin in einem Hostel und hier leben viele Menschen und außerhalb meines Bettes ist immer jemand in der Nähe. Ja leben, der Wohnungsmarkt ist so teuer, dass sie teilweise in Hostels wohnen. Alle hier sind freundlich und offen und doch fühle ich mich ein bisschen alleine. Hier ist alles anders und das ist genau das was ich wollte, eine neue Welt entdecken, aber irgendwie ist das komplizierter als das bei Kolumbus immer klang. Die Straße in der dieses Hostel ist, ist voller Bars und Pubs. Überall leuchten Reklamen und es dröhnt die Musik, ich werde geblendet und die Töne vermischen sich zu einem Rauschen, was man nicht hört aber doch tief in sich wahrnimmt und was wie eine Last abfällt wenn man es nicht mehr da ist. Ein bisschen so ist alles hier, viele verschiedene Erfahrungen und Eindrücke, die mich faszinieren und prägen, aber ich habe gar nicht genügend Zeit um all das zu verarbeiten. Bald bin ich in einer WG und habe endlich auch Zeit für mich, dann werde ich den Kopf dafür haben all die Momente zu verstehen und zu sortieren in ein Regal. Denn hier lebe ich aus einem Spind aus gepackten Koffern, sieht aus als wäre ich auf dem Sprung und so fühlt es sich auch an.
Ab jetzt könnt ihr euch für das Pubquiz anmelden. Auch die Plätze für den Tourbericht sind nicht unbegrenzt aber müssen auf jeden Fall nicht vorher angemeldet werden, für das Pub Quiz danach ist das aber anzuraten damit wir planen können und ihr nicht stehen müsst. Schreibt uns doch bitte über diese Mail:
aktionen-osnabrueck@vivaconagua.org
mit wie vielen Mitquizenden ihr kommt und einen Teamnamen oder eine Ansprechperson. Wir sind schon ganz gespannt!
Nach all der Anstrengungen, ist jetzt mal wieder Zeit zum Feiern! Weg das genauso geht, der kann am 22.8. nach Osnabrück in die Kleine Freiheit kommen und dort mit uns das Tanzbein schwingen. Seit langem tritt die IndieHit-Coverband „Caught Indie Act“ mal wieder in alter Manier auf und wird den Laden zum Beben bringen. Das Beste an dem ganzen: Teile des Erlöses gehen in die Projekte von Viva con Agua. Also klar ist:
Jetzt sitzen wir im Zug und fahren weiter zu einem Konzert von den Leoniden in Tübingen. Ich schaue aus dem Fenster und so langsam spürt mein Herz das es vorbei ist. Wie unfassbar glücklich ich bin nach Hause zu kommen, aber wie gern ich auch noch weiterfahren würde. Ich sitze im Zug, zwischen den Welten. Auch für den Blog heißt das Veränderung. Die nächsten Tage werden noch ein paar Videos kommen und auch nach dem 7.9 und 14.9 lohnt es sich nochmal einen Blick hier hinein zu werfen. Einen letzten Blick erhaschen. Aber wie es danach hier weiter geht, das hat mein Herz noch nicht entschieden, vielleicht nehme ich euch mit nach Südafrika und Uganda, mit zu Viva con Agua aber womöglich auch nicht. Schaut gerne Richtung 20.10 nochmal hier hinein, dann wird eine Entscheidung gefallen sein. Hier ist es also wie in meinem restlichen Leben grade, vieles ungewiss, aber auch vieles möglich oder wie Leoniden sagen würde:
“If you‘re feeling cold,
it means that doors are opened wide for you,
to walk through them“
PS: Passt man mit einem voll bepackten Fahrrad in einen Münchner Kleinstaufzug? Seht selbst:
Ihr seid herzlich eingeladen! Zum Tourbericht unserer Reise und einem rundum bezaubernden Abend im Unikeller in Osnabrück. Neben Insights, Geschichten und Fotos könnt ihr euch bei guter Musik und einem anschließenden PubQuiz vergnügen. Wir würden uns über jeden freuen, der oder die uns an dem Abend besuchen kommt. Das wird ganz gemütlich, quasi das Gegenteil eines Drei-Mann-Zelts.
Irgendwie hatten wir noch nicht genug von der Bergluft und den schroffen Felswänden, weswegen wir den Rückweg über die Alpen auch mit dem Fahrrad bestritten haben. Nach einer kurzen motorisierten Hilfe bis Verona sind wir dann in zwei Tagen bis an die hohen Berge der Alpen gefahren. Aus Merano konnte man dann schon die Gipfel der Dreitausender sehen, die uns mächtig beeindruckt haben. Für den Rückweg wollten wir einen anderen, spektakuläreren Alpenpass als den Brenner vom Hinweg nehmen. Dass es so spektakulär würde hatten wir da noch nicht geahnt, denn durch Zufall waren wir auf den Timmelsjochpass gekommen oder er auf uns, da sind wir uns noch nicht ganz sicher. Dieser Pass ist der härteste österreichische Alpenpass, den man mit Fahrrad befahren kann. Wir dachten, dass sind so viele Einschränkungen, da werden wir das schon hinbekommen. Haben wir auch. Den 29km langen Anstieg haben wir, nach einer Erwärmung (21km ø2% Steigung), in Angriff genommen und besiegt! 2500hm waren das insgesamt und dann stand man oben auf der Höhe von Gletschern auf einem Berg. Es ist wahr, jede einzelne Kurve hatte uns hier hinauf geführt. Jetzt wo man oben war fühlte man sich wie der König der Welt. Königlich war auch die Abfahrt danach bis nach Sölden wo wir einen Trail im Bikepark gefahren sind und der am nächsten Tag bis nach Innsbruck. Bergab und mit Rückewind, das gab es auf dieser ganzen Reise fast noch nie. Heute ist unser erster Tag nach dem Ankommen, dort wo wir zwei Wochen vorher noch ehrfürchtig den Brenner hinaufgeschaut hatten. Bald sind wir wieder zuhause und freuen uns auf ein bisschen Alltag und auf die ganzen Verwandten und Freunde die wir auf der Reise oft vermisst haben.
So heißt es zumindest sinngemäß im niederländischen Film „Ventoux“ den wir auf unserer Reise gesehen haben. In dem Film erklimmen ein paar Jugendliche aus der schieren Lust heraus mit dem Fahrrad den Mont Ventoux, einen der schwersten Anstiege der Tour de France. Riesige Filmempfehlung! Peter, die tragische Figur des Films dichtet dabei auf dem Weg zum Gipfel ein Gedicht. Auch wir hatten so einige lange Anstiege, wie zum Beispiel den auf den Brenner hinauf. Auf dieser Auffahrt habe auch ich mich an Peters Worte gehalten und mir etwas zusammen gereimt. Zur Feier des Tages will ich es auch euch nicht vorenthalten:
Der unbezwingbare Berg
Ich stehe, mit meinem vergleichsweise ameisengroßen Körper, vor diesem unbezwingbaren Berg. Doch es ist beschlossene Sache und so steig ich auf mein Pferd, aus Ketten und aus Rädern, aus Sattel und aus Reifen. So stark wie ich bin, so weit kann dieses Pferd auch reiten. Doch der erste Anstieg ist steil und ich beginne leicht zu zittern, frage mich nervös ob mein Herzschlag zu meinem Tritt passt. Bin ich zu langsam oder zu schnell vielleicht? Dieser verdammte Berg! Ich mein der Gipfel ist noch weit. Ein Zehntel der Strecke habe ich jetzt erst geschafft, bis ich ganz oben bin ist bestimmt schon dunkle Nacht. Ich fahr weiter nach oben und meine Gedanke rennen hinterher, doch an Stelle meines Kopfes werden nur meine Beine leer. So geht das eine Zeit lang, dann kommt das Ende schon in Sicht, also das von meinen Kräften, das vom Berg leider noch nicht. An dem Moment in dem ich scheiter, nicht am Berg sondern an mir, komm ich in einen Wald, der versperrt den Blick auf das Gebirg. Zweifel werden zur Angst, mich selber zu verliern. Wenn ich nicht weißt wo mein großes Ziel ist, was weiß ich dann von mir? Doch dort ist nur die nächste Kurve und ich beginne zu verstehen, Bergfahren ist wie der Rest von meinem Leben. Ich kenne nur den Weg bis zur nächsten Biegung, danach ist es ungewiss. Ich weiß nicht wo mein großes Ziel ist, ob es sowas überhaupt gibt, doch dort wo ich steh ist nun der Mittelpunkt der Welt, keine falschen Träume nur was ist, ist das was zählt. Ich seh wo ich steh nun nicht mehr im Vergleich und der Weg bis zur nächsten Kurve wirkt für mich doch eher leicht. So tret‘ ich immer weiter, bis zum Ende meines Blicks, schaue dort nur zur nächsten Kurve und auch immer seltener zurück. Irgendwann, es kam mir kurz vor, komme ich oben an. Ich hab den Berg erklommen, auch wenn ich noch immer glaube, dass ich es nicht kann. Oben am höchsten Punkt des Berges wird mir klar, dass dieser Berg so viel Ziel wie jede Kurve vorher war.
So lange haben wir von all dem geredet und geträumt und jetzt ist auch unser letztes Ziel erreicht worden! Wir sind unfassbar glücklich Teil dieser Reise, dieser Aktion und diesem Stück Hoffnung zu sein. An unserem letzten Tag in Venedig habt ihr es pünktlich geschafft unser gemeinsames Spendenziel zu knacken, weswegen wir jetzt beruhigt und stolz nach Hause fahren können. Die Einen mit dem FlixBus und die anderen mit dem Bike zurück über die Alpen. Dahin wo alles angefangen hat, bei uns Zuhause. Da wo aus Langeweile in der Schule die besonderste Erfahrung unseres bisherigen Lebens entstand. Dort wo Mut entstanden ist etwas zu wagen und dort wo wir nun mit noch mehr Zuversicht zurückkehren werden und das auch wegen euch. Oder wie unsere Ein-Tags-Mutter aus Altengronau sagen würde: „Wir sind alle ein Puzzleteil…” …was, mittlerweile zusammengesetzt, das Bild einer besseren Welt zeigt.